Monte Prado – 2054m – Die andere „Toscana“

Monte Prado – 2054m – Die andere „Toscana“

Dank eines Aufenthaltes zur Vorbereitung der Städtepartnerschaft zwischen Kahla und Castelnovo ne’Monti verweilte ich einige Tage in der kleinen italienischen Stadt an dem Flüsschen Seccia mitten im nördlichen Apennin. Da ich schon häufiger in der Region war, freute ich mich besonders über die Einladung des Bürgermeistern Enrico Bini am 23.04.2017 mit ihm, seinem Sohn Manuel und einer kleinen Wandergruppe auf den höchsten Berg der Toscana zu wandern.

Allein die Anfahrt aus Castelnovo war auf Grund der bergigen Landschaft und den entsprechende Straßenformung schon sehr interessant. Durch die Provinzen Reggio Emilia und Modena führte uns die Straße aus der Region Emilia-Romagna in die Provinz Lucca, die zur Region Toscana gehört. Die „normale“ Vorstellung der Toscana ist mit eben dieser Stadt, aber auch Florenz, Siena und natürlich Pisa eher maritim geprägt. Ganz anders präsentierte sich diese „andere Toscana“ mit Gipfeln über 2000m und zumindest großflächigen Schneeflecken im April oberhalb von 1500 Höhenmetern.

Folgerichtig endete unsere Autofahrt an einem kleinen Skigebiet kurz nach dem „Passo delle Radici“ in „Casone di Profeccia“. Um genauer zu sein mit einem Espresso Dopio in der dortigen Herberge, die der „Hotspot“ dieser kleinen touristischen Siedlung ist. In den 1980er Jahren war man der Auffassung, dass der SKI-Tourismus in den Bergen die Zukunft sein wird und baute eine relativ stattliche Bungalow-Siedlung mit Versorgungshäusern und Infrastruktur. Das kleine Skigebiet mit zehn Pistenkilometern landete jedoch einige Jahre mit mäßiger Schneelage keine großen Erfolge und die Bungalows bzw. kleinen Häuser konnten weder vermietet, noch verkauft werden. Aktuell wären Teile der Bebauung etwas für meine Fotofreunde aus der Lost Places Fraktion. Dazu passte im übrigen auch das Wetter, denn die Toscana sendete mit tiefhängenden Wolken einen starken Nebel in den Gipfelgrat. So dass von den 20°C in Castelnovo noch 3°C am Startort übrig geblieben waren.

Mit dem professionellen Bergführer Manuel Bini begann die Wanderung entlang des CAI 54 gen Nordwesten. Durch, für diese Region untypischen Buchen-Wälder, schlängelte sich der Weg immer aufwärts bis zum „Refugio Cella“ (1650m), einer Schutzhütte, die in den Sommermonaten Schafhirten als Unterkunft dient. Interessantes Detail ist der Abschnitt mit dem Bogenportal in der Hüttenfront. Dieses kann zugehangen werden und der dann entstehende Schutzraum mit dem eingelassenen Kamin beheizt werden. So kann man die Hütten als Wanderer oder Schutzsuchender zur Übernachtung nutzen. Um in die eigentlichen Räumlichkeiten zu gelangen, muss man in der Gemeinde nach dem Schlüssel fragen. Von diesen Schutzhütten gibt es mehrere im entlegenen Bergland.

Richtig viele Höhenmeter machten wir nun entlang von Schafsweiden und Wasserhaltungen gut. Dabei begrüßte uns ein sehr unfreundlich aussehendes Gelände mit Maschendrahtzaun und Stacheldraht Verhau. Manuel erklärte sehr ausführlich, dass diese Schutzräume für die Schafe eingerichtete wurde. Seit etwa 15 Jahren ist der Wolf in diesem Gebiet wieder heimisch geworden und hat mittlerweile eine stattliche Anzahl von etwa 20 Paaren erreicht. Das da das ein oder andere Schaf auf der Speisekarte landet ist natürlich, aber gleichsam ist es einzusehen, dass die Hirten übersichtlich begeistert von dieser Renaturierung sind. Mir scheint aber ein relativ guter Kompromiss in diesem Streitthema, welches wir auch in Brandenburg, Sachsen und Thüringen haben, gelungen zu sein.

Angekommen auf der Zwischenhöhe „Bocca di Massa“ (1816 m) trafen wir auf den Sentiero 00, welcher ein Höhenweg über die Gesamte Apennin-Halbinsel ist. Diesem Wanderweg folgten wir ca. zwei Stunden. Man glaubte sich teilweise an der nur 150 Kilometer entfernten Küste zu wissen, denn das gesamte Bergmassiv besteht aus Sandstein und entsprechend erodiert waren die Wege und teilweise auch die Wiesen. Große Probleme macht diese Erosion, denn wenn sie einmal an einer Stelle begonnen hat, lässt sie sich nur sehr schwer stoppen. Mehrere Kulturgüter u.a. die bekannte Burg von Canossa sind in der Region vom Abrutschen bedroht. Lediglich zwei Kalkberge liegen als Störung in dem Gebirgszug vor, die gleich auch für die Höhlenforscher die interessantesten Bergzüge sind.

Viele Altschneefelder, teilweise bis zu 30° Hangquerungen, machten den weniger geübten der kleinen Wandergruppe arg zu schaffen. Doch nach einem konditionell noch mal fordernden Aufstieg vorbei am Vorgipfel, dem Monte Veccio (1980m) und einigem an Schneegestapfe erreichten alle acht Wanderer den Gipfel des Monte Prado (2054m) der im toskanischem Dialekt auch Monte Prato geschrieben wird. Als Thüringer habe ich diesbezüglich in der Aussprache eh Defizite, so dass mir dieses Detail in der Wandergruppe auch nicht auffiel. Viel mehr richtete sich die Aufmerksamkeit auf den ehemaligem Gletschersee „Lago Bargentana“, der sich nun präsentierte. Die aufklarende Landschaft gab zumindest einige Blicke in die Bergwelt des „Parco nazionale dell’Appennino tosco-emiliano“ frei. So fiel der Blick auch auf den Monte Cusna, der mit 2121 Metern etwas höher als der toskanische Prado ist, ab dem ebenfalls sichtbaren Monto Cimone (2165m) den Titel als höchsten Berg der Region Emilia-Romagna überlassen musste.

Auf dem Weg des Aufstiegs ging es nach Erinnerungsfotos und einem Picknick vom Gipfel wieder retour zur Herberge. Dabei passierten wir einige Biwaks aus Stein, die wohl im Zweiten Weltkrieg Partisanen, die sich aus der Partisanenrepublik Montefiorino mehrfach zurückziehen mussten, als Wetterschutz dienten.

Mit einer Länge von 13,3 Kilometern bei etwa 700 Höhenmetern Differenz war diese Wanderung sicherlich nicht der höchste Anspruch an Kondition und Können, aber eine sehr lehrreiche Tour über die Gipfel der Toscana. Eine Toscana wie viele Touristen sie nie sehen werden, die aber mit ihrer alpinen Schönheit dem einen oder anderen Pauschaltouristen, der sich abseits der ausgetretenen Touristenströme wagt, sicher gefallen würde.

Einen ganz besonderen Dank möchte ich nochmals an den Bürgermeister der Gemeinde Castelnovo ne’Monti Enrico Bini und seinem Sohn Manuel aussprechen, für die tolle Fahrt und die nette Aufnahme in die Wandergruppe.

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